Auf Goethes Spuren in die Welt der Hexen

09.08.

„Im Harz habe ich mit Entdeckungen Glück gehabt.
Hätt‘ ich mehr freie Zeit, ich leistete sicherlich was
für die Naturgeschichte. … Die Schriftzeichen der
Natur sind groß und schön. Ich behaupte, sie sind
leserlich.“
Goethe an Charlotte von Stein am 23. August 1784

Bereits vor 4 Jahren erwaehnte mein Vater erstmals gegenueber meiner Großmutter den „Harz“. Dabei dachte ich an die klebrige Fluessigkeit, die einem furchtbar laestig werden kann, wenn man mit dem Auto unter Nadelbaeumen parkt. Er sprach aber vom hoechsten Gebirge Norddeutschland, der diverse Reservate und den Nationalpark Harz umfasst. Goethe war dermaßen begeistert von diesem Gebirge, dass er mehrere Reisen dahin unternahm und auch darueber schrieb. Wir sprachen aber dann nicht mehr weiter darueber und die Idee, dorthin zu fahren, rueckte immer mehr in den Hintergrund. Zugegeben, ich war damals auch nicht unbedingt Feuer und Flamme irgendwohin wandern zu gehen, war ich da doch eher noch ein Wandermuffel. Als wir dann heuer im Februar darueber sprachen, dass wir doch wieder einmal gemeinsam im Sommer auf Urlaub fahren koennten, war allerdings ich diejenige, die das Thema wieder aufbrachte und Oma buchte schon bald zwei nette Zimmer fuer uns in Braunlage, ein Ort mitten im Harz.

Los ging es am Sonntag um sechs Uhr in der Frueh. In weiser Vorahnung, welche Strapazen eine abermalige Autoreise mit Beteiligten aus drei Generationen mit sich bringen koennte, schlief ich die Nacht davor lediglich eine Stunde, in der Hoffnung, die gesamte Autofahrt verschlafen zu koennen. Falsch gedacht, denn mir blieb gar keine Zeit schon mal vorsichtshalber einzuschlafen: Das Navi machte Faxen, fand kein GPS, und wollte uns den Weg nach Linz nicht ansagen. Alle drei Beteiligten in dem Auto kannten den Weg nach Linz – oder mehrere Wege dorthin – und riefen weise Ratschlaege durcheinander. Papa wollte nur nach Navi fahren, das schickte uns allerdings in immer groesser werdenden Kreisen um meinen Haeuserblock herum. Zum Glueck war der Kreis irgendwann so groß, dass er uns tatsaechlich auf die zur Autobahn fuehrenden Straße brachte und es war erst einmal Ruhe. Den Großteil der Fahrt doeste ich also vor mich hin und vor allem in Deutschland versuchte ich bloß nicht auf die Straße und den Tacho zu sehen. Meinem Vater traue ich die hohe Geschwindigkeit ja zu, aber auf das Einschaetzungsvermoegen der anderen AutofahrerInnen kann man sich schwer verlassen. Ich erinnerte mich noch zu gut an unsere Reise nach Bremerhaven. Immer wieder fuhr jemand ohne zu blinken auf die linke Spur und jedes Mal bremste ich wirkungslos auf der Rueckbank mit meinem Fuß mit, kreischte, betete und schrieb innerlich mein Testament. Dieses Mal wurde ich zusehends entspannter und schlummerte teilweise sogar eine Stunde lang vor mich hin, bis es auf einmal nicht mehr weiter ging. Vor uns befand sich ein 12km langer Stau der sich mit der Zeit sogar auf 25km ausbreitete und die Diskussionen im Auto gingen erneut los, als jeder tolle Ratschlaege hatte, wie dem Stau am besten auszuweichen sei. Letztendlich standen wir auf einer Raststaette im Stau und konnten weder vor und zurueck – das muss einem auch einmal passieren. Oma meinte lediglich, ueber unsere Autofahrten koennte ich schon Buecher fuellen, das wuerde bestimmt ein Bestseller werden. Ich sage jedes Mal aufs Neue: „Naechstes Mal fliege ich hin!“ und tu es dann doch nie. Mit Ausnahme dieser Zwischenfaelle kamen wir aber relativ problemlos bis kurz vor Braunlage an. Dort waren aber die Straßen gesperrt und wir wurden umgeleitet. Nach abermaligen durcheinander rufen (da links, dort rechts, nein gerade aus!) landeten wir irgendwo im Nirgendwo auf einer großen Ziegenalm. So verirrt man sich gerne! „Statt Braunlage – Ziegenplage“, sagte Oma dazu. Irgendwann kamen wir dann sehr muede – und ich mit starken Halsschmerzen von der Klimaanlage – nach 10 Stunden im Haus Kahn an und bezogen unsere wirklich schoenen Zimmer. Die Besitzerin hat ein Auge fuer Details und hat das ganze Haus liebevoll dekoriert. Schon hier begruessten uns zahlreiche Hexenfiguren – die uns im Verlauf des Urlaubs ueberall begegneten – aus Stoff, aus Holz, aus Stein,… Der Harz soll ja schon lange als der Hauptversammlungsort der Hexen gelten, und am Brocken, dem hoechsten Berg, wird jaehrlich die Walpurgisnacht gefeiert. So werden ueberall Hexen-Souvenirs verkauft und etliche Restaurants beinhalten diese Wesen auf irgendeine Art in ihrem Namen.

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Trotz Muedigkeit wollten wir noch hinunter in die Stadt Abendessen gehen, aber dann kam uns Papa und mein kindlicher Drang Unsinn zu machen dazwischen. In Braunlage gibt es einen riesengroßen Kurpark und dort kann man allerhand erleben. Erst tobten wir etliche Minuten auf dem Spielplatz herum – so ausgelassen, dass sich die tatsaechlichen Kinder offenbar gar nicht mehr hintrauten und Oma sich von unserem Unfug auch noch anstecken ließ – dann ging es weiter hinunter zum Bach wo wir einen Kanaltunnel entdeckten. Papa forderte mich natuerlich mit einem „Kletter da unten durch und schau wo man rauskommt!“ heraus, und so etwas lasse ich nicht so im Raum stehen. Als ich schon etliche Schritte in die Dunkelheit gemacht und sein gelegentliches „Nein tus nicht, nein hoer auf, was wirklich? Wirklich du machst das? Wir machen das?“ ignoriert hatte, beschloss er, mir zu folgen. So ging ich weiter durch den Tunnel, und fuchtelte mit einem Stock vor meinem Gesicht herum weil mir die Spinnweben in den Haaren mehr als genug waren, und ich sie nicht auch noch im Gesicht haben musste. Wir kamen verstaubt auf der anderen Seite in den Brennesseln bei einem Bach wieder raus und Papa verlor gleich seine Brille, was er erst eine Stunde spaeter bemerkte – gluecklicherweise fanden wir sie wieder. Spaß hatten wir aber – und wie. Der naechste Unfug ließ nicht lange auf sich warten, als wir beim Spazierengehen eine Felswand sahen. Mit den Felswaenden ist es bei mir so wie mit Metallstangen saemtlicher Form und Farbe (auch da fand sich noch die eine oder andere im Park) – statt ‚If it looks like a pole, we must climb it!‘ eben ein ‚It’s a wall, I have to climb it‘. Mit rutschigen Sneakers und Handtasche am Arm kletterte ich also diese Wand hinauf und war recht erleichtert, heil oben angekommen zu sein, als ich sah, dass Papa mir mit seiner kaputten Schulter, die ueberhaupt kein Gewicht mehr tragen kann, folgte. Natuerlich ist er ein guter Schauspieler und dramatisiert gerne und schaffte es mir richtig Angst zu machen, also war ich sehr froh, als auch er oben an der Wand stand. Richtig interessant war es dann ja, wieder hinunter zu kommen. Hinunter klettern wollte ich nicht, und der Waldboden auf der Seite erwies sich als eine einzige Rutschpartie. Papa spazierte natuerlich gemuetlich hinunter, waehrend ich auf der Stelle stand und weder vor noch zurueck konnte, da meine Sneakers weniger als gar keinen Halt hatten. Letztendlich musste ich meine Schuhe ausziehen und hinunter werfen, nur um von neugierigen Spaziergaengern ausgelacht zu werden, als ich barfuß den Huegel wieder hinunter kam. Wie eine Katze, die den Baum hinauf kommt, aber dann muss die Feuerwehr gerufen werden (;

So verging auch der erste Abend in Braunlage und wir kehrten hungrig und erschoepft in ein vielversprechend wirkendes Restaurant ein. Das Essen erwies sich als in Oel und Salz ertraenkt, aber bei dem Hunger war uns das fast egal.

09.08.

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Als um 07:30 Papas Wecker klingelte, fuehlte ich mich erschlagen und krank. Mein Hals schmerzte und das Stechen zog bis in die Ohren hinauf. Muede tat ich alles Moegliche um wieder einigermaßen lebendig auszusehen, um den anderen Gaesten am Fruehstueckstisch keinen allzu großen Schrecken einzujagen. Die erschraken sich dann aber sowieso, die Witze meiner Familie muss man naemlich erst verstehen lernen, sonst koennte man sich eventuell ein wenig unwohl fuehlen. Das Fruehstueck war aber sehr gut, mit Gebaeck, Schinken, Kaese und gutem Kaffee.

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Um 10:30 spazierten wir dann auch schon los hinunter zur Seilbahn, wo wir uns Monsterroller ausleihen wollten. Oma redete schon die ganze Zeit nervoes davon, ob sie nicht schon zu alt fuer so etwas sei und war freudig aufgeregt. Bei der Einweisung stellte sie etliche Fragen und schließlich wurde sie freundlich beruhigt: Sollte ihr etwas passieren, so muesse sie sich keine Sorgen machen, der Herr wuerde schon hinauf fahren mit dem Auto und den Monsterroller abholen. Mir kam das Bild von einer verletzten alleine im Wald liegenden Oma, die einem Auto hinterherblickt, dass das letzte ihr noch gebliebene Fahrzeug abtransportiert, doch Oma beruhigte die Aussage offenbar ein wenig. Als dann ein anderer aelterer Herr siegessicher zum Verleih stolzierte, meinte sie: „Wenn der das kann, kann ich das auch!“. Und wie sie konnte! Oben angekommen schoben wir den Roller erstmal zaghaft die ersten paar Meter hinab (es war sehr steil und wir wurden mehrmals gewarnt, dort nicht Gas zu geben, wegen der hohen Verletzungsgefahr), aber irgendwie wollten wir dann doch endlich mal lossausen. Papa war schon fast ueber alle Berge und ich folgte hinterher. Das erste Stueck war ein Kiesweg und der Roller bremste miserabel auf diesem Untergrund. Spaeter ging es aber dann tadellos und sobald Papa und ich feststellten, dass lenken eine bloede Idee ist und der Roller besser wie beim Schifahren mit einem eleganten Hueftschwung zu kontrollieren ist, machte es unglaublich Spaß. Auch Oma machte eine super Figur und fuhr kontrolliert aber nicht zu langsam den Berg hinab. Kurz vor der Mittelstation wartete ich aber auf einmal sehr lange auf die beiden und als sie endlich ankamen, zeigte Oma mir ganz stolz ihre Kriegsverletzung: Der Unterarm war aufgeschuerft und blutete in Himbeermarmeladentoenen. Denn um die Kamera zu schuetzen, stuerzte sie lieber auf ihren Arm – ich haette das nicht anders gemacht. Aber Oma hat ja sowieso keine Gefuehle (da sie kein Schmerzempfinden hat, habe ich sie irgendwann einmal in einem weniger schlauen Moment gefragt, ob sie dann eigentlich Gefuehle hat, seitdem ist das so unser running gag), also war’s nur halb so schlimm. Nach einer kurzen Teepause bei der Mittelstation ging es dann ins Tal. Die Muskeln waren jedenfalls aufgelockert durch den holprigen Untergrund und so konnten wir guter Dinge nach einer Mittagspause im Zimmer hinauf zum Naturmythenpfad spazieren.

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Dieser fuehrte 4km lang durch den Nationalpark und bestand aus mehreren Stationen die diversen Mythen gewidmet waren. Insgesamt war es bestimmt eine 6km Wanderung, da wir oft Umwege fuer diverse Stationen in Kauf nahmen und auch noch einen recht langen Weg zum Beginn des Pfades hatten. Es war aber sehr schoen und spannend. Die Mythen waren: Hexen, Wasser, Voegel, Bach, Fliegen (nicht die Tiere, die Taetigkeit), Woelfe, Mensch, Baum und Wald. Es gab immer diverse Spiele und Informationstafeln oder auch Skulpturen und andere Dinge. Zuletzt gab es noch einen Wunschbaum. Dort konnte man auf eine Schiefertafel seinen Wunsch schreiben und diese dann in eine der Wurzeln stecken. Der Weg fuehrte uns durch Nadelwaelder, ueber schoene dicht bewachsene Wiesen, diverse Schotterwege und Baeche. Eine wirklich schoene Wanderung, aber auch sehr anstrengend, da zusaetzlich zur koerperlichen Betaetigung auch noch ein Ueberfluss an Informationen hinzukam. Besonders interessant war die Geschichte des Waldes und des Nationalparks selbst. Die Einstellung der Menschen gegenueber dem Wald hat sich immer wieder geaendert, frueher bei den Germanen galt er als heilig, da sie dort ihre Goetter verehrten, und nicht ein einziges Blatt durfte entfernt werden. Durch die roemische Kolonisierung wurden die Waelder zunehmend gerodet, die Lebensweise der naturgebundenen Germanen war ihnen suspekt und sie fuerchteten die Einwohner der Waelder. Auch im Mittelalter wurden durch den Bau von Siedlungen und spaeter durch die Holzkohleherstellung die Waelder mehr und mehr zurueckgedraengt. Erst Anfang des 1800 Jahrhundert wurden vermehrt Rodungsverbote ausgesprochen und Waelder nachhaltig bewirtschaftet. Leider waren die Folgen von den Jahren davor schwer, ganze Fichtenarten wurden ausgerottet, ebenso der Wolf, der Baer und der Luchs im Harz. Das Verhaeltnis vom Menschen zum Wald spiegelt sich auch in der Literatur wieder, frueher sprach man von einem gruseligen Ort in dem Hexen, Zwerge und Riesen wohnten, heute ist es ein Raum fuer Erholung und Rückzug. Seit 1990 ist der Harz nun ein Nationalpark und somit geschuetzt. Den ersten Nationalpark weltweit gab es 1872 in Amerika (Yellowstone). Hat also ziemlich lange gedauert, bis die Menschen die große Bedeutung der Waelder erkannt haben.

Abends gingen wir recht frueh schlafen, da wir alle mehr als erschoepft von diesem langen und aufregenden Tag waren.

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