Wenn wir 3 den Brocken rocken…

13.08.

Wie ich gestern zum Torfhause kam, saß der Förster bei seinem Morgenschluck in Hemdsärmeln, und diskursive redete ich vom Brocken, und er versicherte die Unmöglichkeit hinaufzugehen, und wie oft er sommers droben gewesen wäre und wie leichtfertig es wäre, jetzt es zu versuchen. – Die Berge waren im Nebel, man sah nichts, und, so sagt er, ist’s auch jetzt oben, nicht drei Schritte vorwärts können Sie sehen…. Ich war still und bat die Götter, das Herz dieses Menschen zu wenden und das Wetter, und war still. So sagt er zu mir: Nun können Sie den Brocken sehen….. Ich hab’s nicht geglaubt bis auf der obersten Klippe. Alle Nebel lagen unten, und oben war herrliche Klarheit, und heute nacht bis früh war er im Mondschein sichtbar und finster auch in der Morgendämmerung, da ich aufbrach.

[Johann Wolfgang von Goethe, Briefe der Jahre 1764-1786, Hrsg. Damm, E., Zürich 1965]

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So aehnlich wie Goethe, ging es auch uns heute Frueh, als wir beim Fruehstueck saßen und aus dem Fenster blicken. Der Dunst und der Nebel zogen vorbei und gaben keinerlei Sicht auf die Berge frei. Der Wetterbericht herunten sah nicht rosig aus und die Webcam vom Brockenwetter zeigte auch nichts, dass uns Hoffnungen auf eine gute Sicht machen konnte. Dennoch, der hoechste Berg im Harz, Treffpunkt der Hexen und Hauptschauplatz der Walpurgisnacht – der Brocken – liegt 306 Tage im Jahr in den Wolken, wir wollten nicht riskieren, dass das Wetter am Freitag noch schlechter werden wuerde, und beschlossen daher, den Weg hinauf trotz allem zu wagen. Sollten wir nichts sehen, so haetten wir wenigstens das traditionelle und uebliche Brockenwetter live miterlebt.

Unsere gewählte Wanderroute führte uns mit dem Auto zu einem Tagesparkplatz in Schierke und von dortaus eine asphaltierte Straße ein Stueck hinauf, bis wir einen Waldweg erreichten, der lange Zeit an einem Bach mit frischem Quellwasser entlang fuehrte. Laut Wanderfuehrer sollte dieser Weg eher anspruchsvoll und steil sein, aber sogar Oma meinte, dass dies wohl eher eine sehr subjektive Einschaetzung sei, oder die deutschen Berge waeren einfach nicht mit den oesterreichischen zu vergleichen. Mir gefiel die Route ausserordentlich gut, sie fuehrte lange durch Nadelwaelder, ueber Steine, Wurzeln, kleine Felsen und immer wieder an der Schmalspurbahn vorbei ziemlich direkt hinauf zum Brocken. Der schoenste Teil der Wanderung fuehrte durch einen Friedhof an Baeumen, die von Borkenkaefern zerfressen waren. Die weißen, kahlen Gestalten bildeten einen wunderschoenen Kontrast zu den bunten Blumen, Graesern, und Bueschen die ueberall dazwischen wuchsen, und ober uns strahlte der Himmel, denn das Wetter wurde noch wunderschoen und warm. Im Nationalpark wird den Borkenkaefern freien Lauf gegeben, es soll alles natuerlich zugehen, und die Massenvermehrung wird regelmaessig sowieso ganz von selbst durch Wetterumschwuenge gestoppt. Borkenkaefer gehen auch nur auf schon kraenkelnde Baeume, von deren Duft sie angelockt werden.

Papa war eher weniger gluecklich, da ihm zu viele Menschen waren. Ich muss sagen, den Brocken kann man ja in gewisser Hinsicht mit Snowdon in Wales vergleichen, und ich fand dass es hier bei weitem weniger Menschen waren als damals auf dem Hauptpfad den Snowdon hinauf. Dort gingen sie ja fast im Konvoi, auf dem Schierkeweg hinauf konnte man doch das eine oder andere Mal seine Ruhe genießen. Aufgrund all der „Massen“, wie er es ausdrueckte, verlor er voellig die Motivation, sinnvolle Bilder zu machen, und somit entstanden die lustigsten Fotos, anstatt durch den Sucher zu sehen hielt er die Kamera teilweise einfach hoch und klickte („Das habe ich mir so bei den iPad-Touristen abgeschaut.“) und machte zahlreiche Selfies. Sogar Oma fing schon an mit den Selfies, und letztendlich entstand ein tolles Triple-Selfie, als ich den ganzen Wahn dokumentieren wollte:

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Wir haben dieses auch von der anderen Perspektive:

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Wir brauchten laenger hinauf, als es in der App beschrieben wurde (statt 1h25min doch 2h45min), aber ich blieb auch oft genug stehen um Fotos zu machen. Papa meinte, er wuerde sich in Zukunft oefters mit dem Fotografieren zurueckhalten, da ich mich dann offenbar mehr zu bemuehen scheine. Oben angekommen gingen wir noch den Brocken-Rundweg, also einmal an der großen Kuppe entlang, und genossen die tolle Aussicht – was ja wie oben erwaehnt eine Seltenheit ist. Des Weiteren befand sich dort das Brockenhaus, ein Museum mit Informationen ueber die Walpurgisnacht, Hexen, diverse Autoren, die Geologie, Flora und Fauna, und und und. Die Region wird vor allem deswegen mit Hexen und Geistern in Zusammenhang gebracht, weil der Gipfel haeufig sogar bis spaet in den Mai von Schnee bedeckt ist, und eben weil er fast 300 Tage im Jahr vom Nebel verborgen ist. In und um Wernigerode wurden zwischen 1521-1638 26 Frauen und 2 Maenner wegen Hexerei verbrannt. In Goethe’s Faust lauten die Zeilen:

Die Hexen zu dem Brocken ziehn,
Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün.
Dort sammelt sich der große Hauf,
Herr Urian sitzt obenauf.
So geht es über Stein und Stock,
Es farzt die Hexe, es stinkt der Bock.

(Faust – Der Tragödie erster Teil)

Goethe ging dreimal auf den Gipfel. Neben der „Walpurgisnacht“-Szene im Faust schrieb er auch noch seine Eindrücke in der „Harzreise im Winter“ nieder. Ein Sonnenuntergang, den er dort beobachtete, inspirierte seine Schriften zur Farbenlehre und außerdem fuehrte er umfangreiche geologische Studien durch.

Oft wird der Brocken in der Literatur auch als der ‚Blocksberg‘ bezeichnet. Hinauf faehrt die Brockenbahn, die 1898 fertiggestellt wurde. Ihr Heulen hoert man im ganzen Gebiet, es klingt als wuerde ein Geist herumspuken.

Nach dem Museum goennten wir uns noch eine Suppe aus DDR Zeiten – die Stojanka, basically Letscho in Tomatensuppe mit Wurst. War aber ziemlich schmackhaft! Anschließend brachten wir Oma zum Bahnhof, wo sie ihr Ticket fuer die Brockenbahn hinunter nach Drei-Annen-Hohne kaufte. Papa waere zwar auch gern gefahren, hatte aber keine Lust 45 Minuten auf die Bahn zu warten, da uns die vorherige direkt vor der Nase davon gefahren war. Mir war es gleichgueltig, hatte aber keine Lust vom Bahnhof 3km an der Straße entlang wieder zum Auto zu gehen. Ein Bahnticket in eine Richtung kostet 24 Euro, sollten also Sparbudget-TouristInnen ueberlegen den Brocken zu besuchen, dann auch ueberlegen wie man wieder runter kommt, wenn die Beine schon schmerzen 🙂 Unseren Weg kann ich hierfuer sehr empfehlen, der weiche Waldboden federt schoen ab und die vielen Steine geben einem das Gefuehl, einfach nur Stufen zu steigen. Das erste Mal beim Abstieg plagten mich keinerlei Knieschmerzen und Papa und ich liefen schon foermlich den Berg hinunter. Irgendwann huepfte er im Slalom um zwei Bergsteiger herum und der eine lachte erschrocken und meinte zu mir: „Der rennt ja wie eine Bergziege!“. Ich war auch schon fast vorbei und rief nur noch nach hinten: „Jaja, die Tiroler, denen kommt man nicht hinterher!“. Nach einer Stunde hatten wir den Weg geschafft und mussten nur noch 10 Minuten zum Parkplatz hinunter, von wo aus wir zum Bahnhof fuhren. Wir schafften es, fuenf Minuten vor Oma anzukommen und somit mehr schlecht als recht ein Foto von ihr im Vorbeifahren zu schießen.

Anschließend hoffte ich noch, eine kleine Wanderung durch das Hochmoor beim Torfhaus machen zu koennen, doch als wir dort ankamen, erfuhren wir dass diese vermutlich etwa 2,5 Stunden dauern koennte, bis wir wieder zurueck kaemen, und das war um diese Uhrzeit schon zu viel. Somit muss ich irgendwann einmal wiederkommen.

Am Heimweg mussten wir bei einer Tankstelle Schlange stehen und vor uns beluden die Leute ihre Kofferraeume mit Banzinkanistern, die Preise waren heute so tief wie seit Monaten nicht mehr und dementsprechend ging es auch zu… Den Abend ließen wir wie gewohnt auf der Terrasse ausklingen.

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